Führen mit Emotionen

Führen mit Emotionen

Führen mit Emotionen – was wir trotz allem von Donald Trump lernen können

Sie sehen schon an der Überschrift, ich bin eine unerschütterliche Optimistin. Ich bin überzeugt, ich kann aus jeder Situation etwas lernen. Aus den schmerzhaften immer mehr, als aus den einfachen.

Und um es gleich vorweg zu nehmen: ich unterstütze in keinster Weise den Sturm auf den Kongress der Trump-Anhänger, oder auch sonstwie die Aussagen und Taten von Donald Trump! Ich denke er verbreitet bewusst Lügen und stachelt seine Anhänger auf und treibt damit systematisch eine gefährliche Spaltung der Gesellschaft voran und schwächt die Demokratie. Und das macht mich traurig und wütend.

Und dennoch: er ist zweifelsfrei erfolgreich mit seiner Strategie und das bedeutet, es gibt etwas zu lernen. Was, wenn wir diese Lektion lernen und damit die Demokratie stärken und die Spaltung der Gesellschaft aufheben könnten?

Mir ist auch bewusst, dass dieses Thema ein sehr vielschichtiges und komplexes ist und nicht in einem kurzen Beitrag wie diesem auch nur annähernd in Gänze erfasst werden kann. Dies ist lediglich ein Versuch ein paar Denkanstöße zu geben und Fragen zu stellen, die vielleicht einen neuen Blickwinkel auf die Thematik ermöglichen.

Ich möchte über Emotionen schreiben. Ich denke es wird kaum jemand bestreiten, dass Herr Trump es wie kaum jemand schafft seine Anhänger auf einer emotionalen Ebene zu erreichen und dass er dadurch eine große Macht über sie ausübt. Die Emotionen mobilisieren Menschen im großen Stil, bis hin zu einem terroristischen Akt (die Erstürmung des Kapitols), den wohl niemand aus rationalen Gründen begehen würde. Ich glaube allerdings, dass es ein Denkfehler ist zu glauben, dass die Emotion, die diese Menschen antreibt Hass und Wut ist. Ich behaupte im Gegenteil dazu, dass es Liebe ist, die sie antreibt. Und dass die Bewegung deshalb auch so stark ist. 

Ernsthaft? Liebe? Ja, ich kann selbst kaum glauben, dass ich das hier schreibe. Was mich zum umdenken bewegt hat war ein Interview, das Simon Sinek mit der Dokumentarfilmerin Deeyah Khan. Sie berichtet dort, wie sie für zwei ihrer Filme sowohl mit islamischen Extremisten und verurteilten Terroristen als auch mit aktiven Neonazis ins Gespräch (oder besser ins Zuhören) geht, um die tieferen, menschlichen Motivationen dieser Menschen zu verstehen. Sie berichtet auch, dass es ein für sie schmerzhafter Prozess war, der sie an ihre Grenzen gebracht hat. Und sie hat die Erkenntnis, dass es eine Gemeinsamkeit gibt: Liebe. Die Terroristen sind nicht vom Hass angetrieben, sondern von der Liebe zu den Personen, die für sie da waren, als es ihnen am schlechtesten ging. Sie alle wurden rekrutiert aus einer Situation, in der sie alleine und ohne Hoffnung waren. Als dann jemand kam und für sie da war, ihnen Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt hat, sie gesehen hat, da waren sie bereit aus Liebe zu ihm und seiner Ideologie alles zu tun.

Genau diesen Mechanismus bedient Herr Trump, wenn er Ihnen immer wieder sagt „ich sehe euch und euren Schmerz und ich bin für euch da.“ Er bedient diesen Mechanismus, wenn er sich am Tag der Zertifizierung seines Nachfolgers vor seine Anhänger stellt und sagt, dass er bei Ihnen ist: „wir werden zum Kapitol laufen und ich werde bei euch sein.“ Und in der nächsten Video-Botschaft (während der Mob schon im Kapitol wütet) stachelt er weiter an und zeigt sogar noch mehr Empathie: „Ich kenne eure Qualen, ich kenne eure Schmerzen…“…“Wir lieben euch, ihr seid etwas ganz besonderes,….ich weiß wie ihr euch fühlt.“

Ich denke, wenn wir eine Chance haben wollen dieser Bewegung etwas entgegen zu setzen müssen wir aufhören alleine mit Vernunft und Argumenten zu antworten und anfangen Emotionen zuzulassen. Angefangen damit, dass wir die Emotionen die da sind anerkennen, anstatt sie weg zu argumentieren. Vor allem und unangenehmer Weise gilt das für die negativen Emotionen. Sie anerkennen und für einander da sein, damit wir durch sie hindurch gehen können. Das ist die Aufgabe für jeden von uns, allen voran derer in Führungspositionen (politisch oder unternehmerisch). 

Aber warum führt nun die Aufmerksamkeit von Herrn Trum zu so viel Spaltung, anstatt zu vereinen? Der große Unterschied ist die Aufrichtigkeit. Wenn ich Menschen aufrichtige Aufmerksamkeit schenke und sie wertschätze für das, was sie sind, ohne eigene Ziele zu verfolgen, dann wird es das Gute in ihnen hervor bringen. Das gilt gerade auch dann, wenn die Emotionen und Meinungen des Gegenübers sich nicht mit unseren decken. Diesen Widerspruch auszuhalten ist die Kunst.

Hier kann ich mich nur Heiko Maas anschließen: das ist eine Aufgabe für jeden von uns und beginnt zu Hause und am Arbeitsplatz.

Oder wann haben Sie zuletzt zu Ihre Mitmenschen gesagt: „ich sehe dich und deinen Schmerz und ich bin für dich da, ich stehe hinter dir, egal was kommt.“?

Ich jedenfalls nehme mir vor es häufiger zu tun.

Herzliche Grüße,

Julia Reichhart

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